Archiv für den Monat Juli 2022

Zweite Hitzewelle des Jahres – Dürre hinterlässt erste sichtbare Schäden

Nach einer teilweise frostigen Nacht stand eine neue Hitzewelle an, die zweite des laufenden Jahres. Wir schauen diesmal weit über den Tellerrand und blicken auch auf das wütende „stille Unwetter“, die Dürre.

trockene Wiesen, trockene Felder und ein mehr als angeschlagener Wald…

Synoptik

Genau einen Monat nach der historischen Juni-Hitzewelle stand die zweite große Hitze des Jahres an. Synoptisch wurde vieles schon im Bericht vom 17. Juli erklärt. Der Osteuropa-Trog ist zwei Tage später weiter nach Russland gezogen, das zugehörige Bodentief liegt in etwa über dem Ural. Östlich eines Troges vor der französischen Atlantikküste hat sich ein Höhenrücken bis ins westliche Skandinavien aufgebaut. Bodennah sind über Mitteleuropa keine klaren Druckverhältnisse auszumachen.

Deutschland

In Sachsen war die Hitzewelle wenig besonders. Die sachsenweit höchste Temperatur wurde in Bad Muskau mit 38,1°C gemessen, Dresden-Strehlen registrierte am 20. Juli einen Tageshöchstwert von 37,2°C. Dippoldiswalde-Reinberg meldete 34,3°C, Zinnwald-Georgenfeld verfehlte einen Hitzetag um 1,7 K. Neue Julirekorde wurden nur an wenigen sächsischen Stationen registriert.

Blickt man auf Gesamt-Deutschland, so stellt sich die Hitze wesentlich historischer dar. Schauen wir uns zunächst die Höchsttemperaturen am 19. Juli an:

  • Duisburg-Baerl (NW): 39,5°C
  • Geilenkirchen (Flugplatz; NW): 39,3°C
  • Tönisvorst (NW): 39,2°C
  • Barsinghausen-Hohenbostel (NI): 39,1°C
  • Heinsberg-Schleiden (NW): 38,8°C

In Emstetten (Meteomedia/dtn-Messnetz) wurden bereits 40,0°C gemessen. Zum einen zählt dieser Messwert allerdings nicht zum ofiziellen DWD-Netz, zum anderen gibt es erhebliche Zweifel an der Verwendbarkeit dieses Wertes. J. Kachelmann kritisiert unter anderem einen nicht intakten Strahlungsschutz. Noch gab es nur wenige Allzeitrekorde, dies sollte sich aber am 20. Juli ändern:

  • Bad Neunkirchen-Mergentheim (BW): 40,3°C
  • Hamburg-Neuwiedenthal: 40,1°C
  • Barsinghausen-Hohenbostel (NI): 40,0°C
  • Huy-Pabstorf (SH): 40,0°C
  • Wendisch Evern (NI): 39,9°C

Zunächst zum Wert aus Bad Mergentheim: Der Deutsche Wetterdienst wird diese Messung zwar nicht gänzlich annulieren, sie allerdings nicht als Rekord werten. Ursächlich hierfür ist ein relativ ungünstiger Standort mit zu viel Bewuchs und Bebauung, siehe dazu einen Tweet der DWD-Pressestelle vom 21. Juli. Baden-Württemberg hat daher keinen neuen Hitzerekord aufgestellt.

Die eigentliche Aufmerksamkeit liegt allerdings auf den historischen Höchstwerten im Norden Deutschlands. Dort kannte man diese „Dimensionen“ der Temperatur bisher nicht, 40°C gab es in Hamburg seit Beginn der Aufzeichnungen nicht.

Unter den Top-50 der heißesten DWD-Wetterstationen Deutschlands gab es nur drei Stationen ohne einen neuen Allzeit-Hitzerekord. Besonders bemerkenswert ist aber wie schon beschrieben nicht die Hitze an sich, sondern die Orte mit den heißesten Temperaturen. Die klassischen „Hitze-Hotspots“ wie der Oberrheingraben waren kaum betroffen.

Lage in Großbritannien und Frankreich

In Großbritannien erreichte die Hitzewelle am 19. Juli 2022 ihren Höhepunkt. Die Heißluftmassen sind ungewöhnlich weit nach Norden voran gekommen. Im 850 hPa-Niveau befanden sich die wärmsten Luftmassen über dem Süden Englands mit Höhenwerten von 23°C bis 25°C. Am Boden (2 m Höhe) wurden die höchsten Werte allerdings an der Ostküste gemessen. An der Südküste war schlichtweg der Ärmelkanal als „Kühlung“ zu nah.

Die Hitzewelle stellte in Großbritannien einen neuen Allzeitrekord auf. In Coningsby (England), ziemlich an der Ostküste, wurden am 19. Juli 40,3°C gemessen. Selbst in Schottland gab es – für dortige Verhältnisse – extreme Hitze mit bis zu 35,1°C in Floors Castle, auch dies ist ein neuer Allzeitrekord.

Kurz noch ein Blick ins hitzeerprobtere Frankreich: Im Westen des Landes lagen die Höchsttemperaturen bei 37°C bis 43°C. Es gab hier zwar keinen neuen nationalen Hitzerekord, zahlreiche Stationsrekorde wurden allerdings gebrochen.

Ausräumen ohne nennenswerte Niederschläge

Zum wiederholten Mal ging das Ausräumen der Heißluft ohne nennenswerte Niederschläge oder gar Gewitter einher. Die „höchste“ Regensumme der Region wurde in Rechenberg-Bienenmühle-Holzhau mit 2,8 mm gemessen, in Dippoldiswalde-Reinberg fielen immerhin noch 2,1 mm in den Regenmesser. Auf dem Papier war nicht viel zu holen. Ein Mix aus turbulenter Höhenströmung, Erzgebirgs-Lee sowie dem Outflow einer Schauerlinie zwischen Radeberg und Altenberg (Radarbild zum Zeitpunkt) brachte immerhin eine ansehnliche Kombination aus Asperatus-Wolken und einem schwachen Böenkragen hervor:

Das „stille Unwetter“ Dürre

Da Trockenheit zunächst einmal keine unmittelbaren Schäden, wie zum Beispiel Überflutungen oder Hagelschlag, nehmen viele Menschen Dürre wenig direkt wahr. Am Nachmittag des 24. Juli liegt der Elbepegel in Dresden bei 71 cm bei einem Durchfluss von 106 m³/sek. Dies ist im Bereich des mittleren Niedrigwassers. Hätte es in Tschechien vor einigen Tagen/Wochen keine Starkniederschläge gegeben, wäre die Elbe inzwischen vermutlich bei einem bedrohlich niedrigen Wasserstand.

Wesentlich angespannter ist die Situation aktuell an kleinen Bächen bzw. der gesamten Vegetation. Wiesen und Felder sind völlig ausgetrocknet. Während sich erstere bei den nächsten Regenfällen ziemlich wahrscheinlich erholen werden, führt die Trockenheit aktuell zu massiven Ernteeinbußen der Landwirte. Auch das gesamte Ökosystem Wald ist aktuell mehr als gefährdet. Lokal sieht es aus wie im Herbst, Bäume werfen die Blätter ab oder sind schon völlig vertrocknet:

Für unzählige, schon geschwächte Fichten dürfte der Sommer 2022 der Todesstoß sein. Nach den Sommern 2018, 2019 und 2020 benötigte es jetzt eigentlich großräumige Landregenfälle, stattdessen sind bis auf weiteres keine „brauchbaren“ Regensummen zu erwarten. Auch die Laubbäume geben zunehmend „den Geist auf“ und versuchen sich durch Blattabwurf irgendwie durchzuschleppen.

Ein Waldsterben hat speziell mittel- bis langfristig erhebliche Folgen, auch für die Bevölkerung. Generell werden die Wälder anfälliger für Schäden durch Ereignisse jeder Art (Wind, Hagel, Starkregen, Insekten (z. B. Borkenkäfer), kürzere Trockenzeiten). Borkenkäfer-Holz hat schlechtere Heizwerte als gesundes Fichtenholz und kann wesentlich schlechter verarbeitet werden, somit gibt es Einbußen in der Forstwirtschaft. Desweiteren wird der Boden wesentlich anfälliger für Erosion, was auch die Gefahr von Überschwemmungen oder gar Hangrutschen birgt.

Bereits am Montag wird wieder Hitze erwartet. Bis zu 37°C werden berechnet. Es geht zwar recht schnell wieder etwas kühler weiter, bis auf lokale Ereignisse wird es bis auf weiteres keine Niederschläge geben:

Ensemble GFS 06z vom 24. Juli: Jede Linie zeigt einen Lauf, sog. Member. Sämtliche Signale auf Niederschlag sind äußerst verhalten.

Durchlüften vor der Hitzewelle – Frosttage mitten im Juli

In der kommenden Woche steht eine ausgewachsene Hitzewelle an – bis zu 38°C werden erwartet. Angesichts der heutigen Tiefsttemperaturen klingt das noch etwas unglaubwürdig, im Erzgebirge gab es sogar Frost.

Synoptik

500 hPa Geop. / Bodendruck; (c) wetter3.de

Die Synoptik ist relativ zügig erklärt: Zwischen einem Langwellentrog über Osteuropa und einem Tiefdruckgebiet vor der Iberischen Halbinsel hat sich ein kräftiger Höhenrücken aufgebaut, welcher am 17. Juli bis nach Westeuropa reicht. Gleichzeitig hat sich ein Bodenhochdruckgebiet über Mitteleuropa ausgebildet. Deutschland liegt aktuell noch an der Südwestflanke der Osteuropäischen Langwelle, was für eine relativ kühle Nordwestströmung sorgt. Die Temperaturen im 850 hPa-Niveau bewegten sich am Sonntagmorgen über dem Nordosten Deutschlands um nur 5°C bis 10°C.

Boden- und Luftfrost im Erzgebirge

Unter landesweit klarem Himmel und Hochdruckeinfluss kühlte es sich in der Nacht sehr stark ab. Das Erzgebirge ist – auch deutschlandweit betrachtet – ein „Favorit“ bzgl. starker Auskühlung durch Tal- und Muldenlagen. Im repräsentativen DWD-Messnetz meldete Deutschneudorf-Brüderwiese eine Tiefsttemperatur von 1,4°C. Deutlich kälter wurde es im bekannten Marienberg-Kühnhaide mit einer Tiefsttemperatur von -2,6°C. Dort wurden in Bodennähe sogar nur -5,8°C gemessen. Deutschneudorf-Brüderwiese meldete eine 5 cm-Tiefsttemperatur von -1,0°C. Eine Übersicht der deutschlandweiten Tiefstwerte in 5 cm Höhe:

  • Deutschneudorf-Brüderwiese (SN): -1,0°C
  • Schipkau-Klettwitz (BB): -0,2°C (neuer Juli-Negativrekord; Zeitreihe seit 07/1996)
  • Carlsfeld (SN): 0,0°C
  • Hoyerswerda (SN): 0,4°C (Julirekord aus 07/2018 eingestellt; Zeitreihe seit 01/2010)
  • Oberharz am Brocken-Stiege (ST): 0,6°C (Julirekord aus 07/1964 eingestellt; Zeitreihe seit 01/1947)

Besonders die Einstellung des Rekordes aus Oberharz/Stiege ist bemerkenswert, da hier eine sehr lange Zeitreihe (seit Januar 1947) vorliegt. Nächte wie diese zeigen eindrucksvoll, dass es auch in Zeiten der Klimaerwärmung weiterhin zu sehr kalten Witterungsabschnitten kommen kann. Zwar ist (Boden-) Frost in den Erzgebirgstälern auch im (Hoch-) Sommer nichts außergewöhnliches, angesichts der anstehenden Hitzewelle ist dies dennoch erwähnenswert.

Hitzewelle in der neuen Woche erwartet

Ab Dienstag wird auch in Sachsen eine neue Hitzewelle erwartet. Im Tiefland werden die Temperaturen voraussichtlich 35°C bis 38°C erreichen, je nachdem wie stark sich die Luftmasse erhitzen kann, können auch 40°C (inkl. neuer Allzeitrekorde) nicht gänzlich ausgeschlossen werden. Im Fokus dieser Hitzewelle wird Großbritannien stehen, hier sind neue Allzeitrekorde und Temperaturen deutlich über 40°C sehr wahrscheinlich. Wie lange die Hitzewelle hier anhalten wird und ob das „Ausräumen“ mit signifikanten Niederschlägen einhergehen wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch niemand verlässlich sagen.

Rückblick auf einen außergewöhnlichen Juni

Der Juni war, speziell im Osten Deutschlands, alles andere als gewöhnlich. Fast schon „wie üblich“ war es deutlich zu mild und deutlich zu trocken. Eine Analyse.

Kornblumen in einem trockenen Rapsfeld

Im Deutschlandmittel war der Juni genau 3 K gegenüber der Referenzperiode 1961-1990 zu warm, was in dieser Hinsicht den sechstwärmsten Juni seit Messbeginn bedeutet. Zum Erreichen des Niederschlagssolls fehlte im Deutschlandmittel ca. ein Drittel. Eine ausführliche Analyse des Deutschlandwetters im Juni 2022 hat der Deutsche Wetterdienst in einem Presseartikel zusammengestellt.

Vor allem der Süden Deutschlands war im Juni von zahlreichen Schwergewitterlagen betroffen, welche auch mit schweren Verwüstungen durch Hagelstürme einhergingen. Besonders in Erinnerung bleiben wird allerdings die Rekord-Hitze vom 18. und 19. Juni. In einem 14-seitigen Dokument analysiert der DWD die Hitzewelle und ordnet sie klimatologisch ein. 39,2°C – das war der deutschlandweite Höchstwert, gemessen in Dresden-Strehlen und Cottbus.

Im Osterzgebirge und im Dresdner Raum war der Juni ca. 3 K bis 4 K zu warm, die Abweichung lag hier also etwas über dem Deutschlandmittel. Die Niederschlagsverteilung war ziemlich klassisch – das Erzgebirge vermeldete die höchsten Regenmengen und auch die geringeren Abweichungen zum Durchschnitt. Während in Dresden nur 30 bis 40 Prozent des langjährigen Mittels gefallen sind, meldeten die Wetterstationen des mittleren und östlichen Erzgebirges zumindest Werte über 50 % des Mittels. Über den Tellerrand geschaut: Besonders viel Niederschlag gab es im Raum Zittau: Stellvertretend meldete Bertsdorf-Hörnitz ca. 103 mm Niederschlag – über 150 % des Mittels. Darauf kommen wir später nochmal zurück.

Dresden-StrehlenDippoldiswalde-ReinbergZinnwald-Georgenfeld
Mitteltemperatur20,6°C (+3,8 K) 18,2°C (+3,2 K)15,5°C (+3,8 K)
Hitzetage 6 Tage 3 Tage 1 Tag
Sommertage 19 Tage 15 Tage 3 Tage
Tropennächte 1 Nacht / /
Gesamtniederschlag31,5 mm (34 %)42,3 mm (55 %)61,5 mm (65 %)
Übersicht einiger meteorologischer Kennwerte für drei ausgewählte Stationen

Generell kann der Juni als, erneut, deutlich zu trocken eingestuft werden. Das einzige größere Niederschlagsereignis in unserer Region fand am 27. Juni statt. Zunächst entwickelten sich in schwül-heißer Luft erste Gewitter, welche sich am Nachmittag zu Schwergewittern mit Überschwemmungen und teils größerem Hagel entwickelten:

Im Laufe der Nacht zog dann ein größeres Starkregengebiet aus Süden auf und brachte weitere Niederschläge. Deutschneudorf-Brüderwiese meldete eine 24-Stunden-Regensumme von 78,4 mm. Der dortige Rekordwert von 91,5 mm (01. Juni 2013) war allerdings nicht in Gefahr.

Eisschirm der Schwergewitterzelle am 27. Juni östlich von Freiberg

Weiter oben wurden bereits die höheren Summen Richtung Zittauer Gebirge und Ostsachsen angerissen. Zumindest in diesem Juni ist dies auf eine recht ungünstige Verteilung der Druckgebiete zurückzuführen – dabei geht es nur um wenige 100 Kilometer. In Bayern entstanden öfters große Gewitterkomplexe mit entsprechendem Starkregen. Die Komplexe „bogen“ über Tschechien nach Norden „ab“, dies geschah aber einige Kilometer zu weit östlich, um den meisten Teilen von Sachsen noch Regen zu bringen. Ostsachsen hingegen bekam von den Regengebieten zumindest oft noch einen Randtreffer mit. Der Lee des Erzgebirges tut sein übriges dazu.

Die anhaltende Trockenheit konnte durch die Starkregenereignisse natürlich nicht gelindert werden. Der Elbepegel stieg durch heftige Regenfälle in Tschechien hingegen zeitweise deutlich über den Mittelwert an – der hiesigen Vegetation nützte das allerdings herzlich wenig.

In den kommenden Tagen setzt sich – bis auf eine Unterbrechung am Donnerstag – das trockene Hochdruckwetter fort, wenn auch deutlich kühler als noch zuvor.